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Walter-Hasenclever-Gesellschaft |
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Peter Cremer Peter Klein – Eine Erinnerung aus Anlass der Gedenkveranstaltung zum 10. Todestag Eigentlich müsste ich rauchen, während ich meinen Text vortrage! Eine Erinnerung an Peter Klein? – Nein, nicht eine! – Viele kleine Erinnerungen sind da in mir, die aber in der Summe zu einem großen, allerdings gänzlich unscharfen Erinnerungsbild werden. Rauchend, Schwarzer Krauser, hager, asketisch, auf welchem Kreuzweg voranstreitend, leidend, den Blick merkwürdig nach innen gewandt. Und wenn du gesprochen hast, so scheinbar selbstsicher. Zweifel – das schien ein Fremdwort zu sein für dich, den Buchhändler. Und nur als Buchhändler habe ich dich kennen gelernt. Kannte ich dich? – Ich kannte mein Bild von dir! Und das war geprägt von: Bewunderung, Staunen, manchmal auch Sorge, Unverständnis, Ratlosigkeit. Deine Belesenheit (oder auch: deine Fähigkeit so zu tun, als ob du Bescheid wüsstest) war mitunter furchteinflößend. Wenn ich heute mit meiner Frau über dich spreche, dann sagt sie immer noch: Ich hatte Angst vor ihm, hatte so wenig gelesen, konnte nie mitreden, ich glaube, er hat mich gar nicht wahrgenommen. – Aber die Lesungen. Ja, die waren schon besonders. Weißt du noch ... Und dann sind jene Abende ganz plötzlich wieder lebendig: Patrick MacCabe, der seinen damals aktuellen Roman im merkwürdig gedehnten irischen Englisch zur eigenen Gitarrenbegleitung nicht gelesen, sondern gesungen hat ... John Berger, der nach jeder besonders gelungenen Wendung schelmisch ins Publikum grinste, als wollte er sagen: Das war aber jetzt doch wohl eine besonders grandiose Metapher, oder? ... Oder Peter Kurzeck, der nervös wie ein Jungspund war, obwohl doch nur wenige Zuhörer in die Trichtergase gekommen waren, und die waren ausschließlich Fans und zu befürchten hatte er doch gar nichts ... Brechend voll war es bei Daniel Pennac ...Und wie wenige waren wir bei Heiko Michael Hartmann ... Deine Sucht, Veranstaltungen zu machen (Sucht – kommt von Suchen!). So viele! Und so wenige habe ich miterlebt. War ja auch Buchhändler und habe in Köln gearbeitet und der Weg nach Aachen war mir oft zu anstrengend. Angefangen hat es mit Robert Schneider, damals noch in der Kockerellstraße. – Der schwergewichtige Franz Bauer (seinerzeit u. a. Vertreter für den Reclam Verlag) hatte mich in seinem schaukelnden Benz-Kombi Platz nehmen lassen. Was haben wir geredet, über Kerpen-Düren-Eschweiler nach Aachen dieselnd? – Ich weiß es nicht mehr, aber ich weiß noch: Ich wurde als Freund begrüßt, nachdem Franz Bauer dir gesagt hatte, ich sei ein belesener Hund und könnte auch ganz gut Bücher verkaufen, leider nur die, die ich selbst für gut befunden hätte. Hast du skeptisch die Augenbrauen hochgezogen? Ich weiß es nicht mehr! – Was ich noch weiß: So viele Bücher in dieser Buchhandlung. Alte. Neue. Regale voll mit Suhrkamp. Viele Verlage auch, von denen ich noch nie gehört hatte. (Dabei war ich doch Buchhändler.) Autoren, mir völlig unbekannt. Eng war es. Und voll. Und schön. Betriebswirtschaftlich schon damals ein Albtraum. Aber ich war ja nicht als Steuerberater gekommen, sondern als junger (hatte gerade erst meine Ausbildung beendet) Buchhändler, allerdings schon alt an Jahren (hatte ja vorher schließlich mein Lehramtsstudium samt Referendariat hinter mich gebracht), der von Peter Klein gehört hatte, dem ver-rückten Literaturhändler aus Aachen, der - ein wenig wie Klaus Bittner in Köln oder Rudolf Müller in Düsseldorf - eine ganz andere Art von Buchhandel praktizieren sollte, als die ich aus meiner kleinen Kölner Vorortbuchhandlung kannte. So viele Bücher, ein rauchender Asket, grummelnd, Sätze manchmal eher bellend als sprechend ... Setz dich ... da ist noch Platz ... soso, Buchhändler also ... aus Köln ... kennst du... hast du gelesen ... wie findest du ... ach, Lehrer auch noch ... na ja, es gibt Schlimmeres ... ja, da kannst du dich hinsetzen! Wenn ich an diese erste Lesung für mich bei Backhaus denke, dann ist die eindrücklichste Erinnerung die an meinen Toilettenbesuch am Ende der Veranstaltung! – Auch da: So viele Prospekte, so viele Leseexemplare, so viele Poster, so viele Kartons – und irgendwo das Becken, das Erleichterung versprach. Längst hatte ich mich festgelesen, blättern hier und da. Und draußen die Leute, Robert Schneider, der mit vorarlbergischer Inbrunst Widmungen schrieb, Franz Bauer, der seinen Bauch streichelte, Peter, der rauchte und endlich auch: Ulla. Peter und Backhaus, das war immer auch: Ulla. – Der Meister dozierte und schwelgte. Und Ulla: am Einlass, räumend, Kasse, verrückte Frisur, ruhige Aufmerksamkeit, manchmal verdreht sie die Augen, Lachen (ist es echt?). Alles klar soweit? Na, geht so! – Meine ersten wirklichen Erinnerungen an sie, da war schon der Umzug in die Trichtergase vollzogen. Kockerellstraße, das war auch Benedikt, den ich aber erst viel später kennen lernte. Peter, weißt du noch, wie wir versucht haben, den Verkauf von Grass` "Unkenrufen" zu boykottieren, weil Steidl seinerzeit erlaubt hatte, dass auch Zweitausendeins den Roman verkaufen durfte? – Wir sind grandios gescheitert. Und Klaus Bittner merkte schon damals an, wir wären ziemlich bescheuert, nicht an den sicheren Umsatz zu denken. Und lachte über uns. Heute weiß ich: mit Recht! Peter, weißt du noch, das Seminar in der Kiepenheuer-Villa in Rodenkirchen? Das Thema habe ich längst vergessen. Hubert Winkels sonderte schlaue Sätze ab, Hans Jörg Schertenleib hat gelesen und Peter Henning auch. Aus dem gerade veröffentlichten "Eisvogel". – Ist es nicht merkwürdig, dass eben dieser Peter Henning in diesem Herbst mit "Die Ängstlichen" (nach Klaus Bittners Meinung) einen sensationellen Roman veröffentlicht hat? – Klaus saß damals eine Reihe hinter uns, Rudolf Müller war da, und es gibt ein Foto, das zeigt dich und mich zusammen mit Felicitas Feilhauer. Peter, weißt du noch? Manchmal wünschte ich mir, es gelängen mir Sätze wie Günter Grass, der am Grab von Nicolas Born sagte: Nicolas, seitdem du tot bist, werde ich deutlicher alt. Aber ich bin nicht Grass und du bist nicht Born; aber tot bist du; und ich soll dir nachrufen: Buchhändler; kranker Mann; Vorbild; Traumtänzer, Besessener! Was haben wir uns gestritten über Witold Gombrowicz! – Heute nenne ich dessen Werkausgabe (bei Hanser) mein eigen, die meisten Bände hast du mir verkauft. – Und auch über Jan Skacel waren wir ganz unterschiedlicher Meinung, trotzdem hast du mir lachend Henri Rousseau in Ivancice verkauft (fadengebunden, Büttenpapier, bei Wieser verlegt). Und dann noch: Du warst ja auch Prüfer: IHK Aachen. Literatur. Prüft Peter Klein. – Wie oft habe ich dir gesagt: Sei nicht zu streng! – Und wie streng hast du mich immer zurechtgewiesen: Die wollen doch Buchhändler werden! Die müssen doch wissen! – Dass du dann viel sanfter warst (obwohl du dich oft wahnsinnig geärgert hast), das haben sie mir erzählt, die Prüflinge, die auch Angst vor dir hatten, vor deiner besessenen, sanften, gespielten Größe. Peter Klein: Buchhändler aus Aachen. – Mein Blick von außen. Meine Redezeit soll 10 Minuten nicht überschreiten. Muss mich kurz fassen (doppelt zu deuten!). Und sonst noch? – Natürlich die Katze. Dein Freund Haluk. Die Musik. – Aber die gehören nicht in unsere Geschichte. Wovon ich noch erzählen muss: Nach der Lesung ins Konak. – In meiner Erinnerung hast du kaum gegessen. Sehe ich dich nur rauchen und ... trinken natürlich. Langsam, beständig. Sitzen und reden. So viele Menschen, so viele Gläser. Rauch.- Trunkenheit? Ich weiß nicht mehr! Wie deine Arme getanzt haben. Dein schütteres Haar. Der Zopf. Hager. Auf welchem Kreuzweg bist du gegangen, Peter? – Es hat so lange gedauert, bis ich wirklich du zu dir gesagt habe. Peter aus Aachen und Peter aus Köln. – 2 Buchhändler, wie sie unterschiedlicher gleich nicht sein konnten. Backhaus war auch: der Treffpunkt. – In deiner Buchhandlung habe ich mich verabredet. Mit Mattes Rybak, der jetzt Kundenbetreuer bei Könemann ist. Mit Angelika Schüren, die inzwischen ihren Lehrerjob an den Nagel gehängt hat und an der RWTH merkwürdige Termine koordiniert. Mit Harald, der längst kein Freund mehr ist. – "Wir treffen uns bei Backhaus und dann entscheiden wir, was wir noch unternehmen." Wie ging es dir in der Jakobstraße? Schwere Zeit für Buchhändler (schon damals) und für einen wie dich besonders: Wolltest das Wort Remission nicht kennen. Peter Klein saß da und rauchte und redete und gestikulierte und rauchte und fluchte und legte eine neue Musik auf ... Und dann hörte ich: Man hat Peter Klein bewusstlos gefunden. Und dann hörte ich: Peter Klein ist tot. Und dann gab es eine Feierstunde im Aachener Stadttheater. Und da war ich mit Jac. (Auch einer, den ich von fern bewundert habe.) (Auch einer, der jetzt tot ist.) Und auch der damals noch nicht so gerühmte Wilhelm Genazino war da und hielt eine Rede. Da war ich also. Irgendwo weit hinten. Und habe damals gar nichts gesagt. Aber heute, da sage ich es endlich: Peter, seitdem du tot bist, werde ich deutlicher alt.
Benedikt Geulen Rede bei der Gedenkfeier zum 10. Todestag von Peter Klein Mitte September wird in Köln ein „Karrieretag“ für Buchhandels-Azubis stattfinden. Eine schöne und sinnvolle Veranstaltung des Landesverbandes NRW des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Konkret wird eine Rheinschifffahrt unternommen, auf der nicht nur unterhalten, sondern vornehmlich von Branchenfachleuten informiert wird. Mittlerweile werden in unserer Branche nicht mehr nur Buchhandels- und Verlags-Azubis ausgebildet, sondern auch „Medienkaufleute digital und print“. Die Absolventen der Berufsschule können sich bei dieser Gelegenheit im September u.a. und explizit über „Karrierechancen in der Großbuchhandlung“ und die „Entwicklung des elektronischen Lesens“ informieren. Diese beiden Stichworte beleuchten ganz gut, was sich für angehende Buchhändler in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten verändert hat. Ohne weiter ins Detail zu gehen, lässt sich sagen, dass der ökonomische Duck in der gesamten Branche, also für Handel und Verlage, wesentlich zugenommen hat und die individuellen Berufs- und Karriereaussichten für sogenannte Jungbuchhändler doch eher abgenommen haben. Diese einleitende Betrachtung soll nicht zur Schwarzmalerei oder gar zur allgemeinen Branchen- und Medienschelte werden. Angesichts des 10. Todestages von Peter Klein geht mir lediglich durch den Kopf, wie das wohl für jemanden ist, der sich heute in der gleichen Situation befindet, wie ich vor gut 20 Jahren, als ich 1988 meine Ausbildung in der Buchhandlung Backhaus begann und zwei Jahre später abschloss. Peter Klein war und ist für mich ein großer Buchhändler und gleichzeitig das schiere Gegenteil eines Großbuchhändlers. Was die Nutzung neuer Medien angeht, so erinnere ich mich an die revolutionäre Anschaffung einer elektrischen Schreibmaschine, auf der Peter mit erstaunlicher Schnelligkeit in einem ebenso erstaunlichen Ein-Finger-System tippen konnte. So etwas wie „elektronisches Lesen“ wäre Peter Klein vermutlich noch heute eine erschütternde Vorstellung. E-Books oder Literatur per Download waren natürlich vor 10 Jahren auch noch kein wirkliches Thema. Hätte man Peter Klein aber damit konfrontiert, wäre er der Sache bestimmt nicht ausgewichen. Ich glaube, er hätte einfach bemerkt, dass ihm für gute Literatur zunächst einmal jedes Mittel, also jedes Medium recht sei. Peter Klein war leidenschaftlicher, ja zuweilen fanatischer Literatur-Händler. Er hat mit nie nachlassender Energie jede Art von Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Literatur gesucht, befördert und veranstaltet. Buchhandel bedeutete für ihn einzig und allein eine, vielleicht die beste Möglichkeit, Literatur unter die Leute zu bringen. Umsatz- und Gewinnoptimierung waren ihm, wenn überhaupt, dann inhaltliche Kategorien und kaum Maßeinheiten, die sich in bar an der Ladenkasse messen lassen. Es ging ihm sozusagen um eine Steigerung des literarischen Brutto-Sozialprodukts. Peter Klein war Idealist, aber er war dabei keineswegs naiv. In seiner Leidenschaft akzeptierte er oft genug keine vordergründig vernünftige, sagen wir ökonomische Grenze. Ihm war dabei bewusst, dass er zuweilen die Existenz seiner Buchhandlung, und damit auch die eigene und die seiner Mitarbeiter aufs Spiel setzte. Jedem, auch dem Azubi, der sich auf seine Art von Buchhandel einließ, musste vollkommen klar sein, dass er dies ohne Netz und doppelten Boden tat. Neben den Freuden literarischer Entdeckungen und den auch ökonomisch erfolgreichen Kundenkontakten waren ebenso Niederlagen und Enttäuschungen vorprogrammiert. Viel, im Laufe der Jahre immer mehr, fand Peter Klein zu kritisieren, über allgemeine Ignoranz zu lamentieren. Dabei waren ihm in seinem manchmal biblischen Zorn angesichts der vielen sträflich vernachlässigten Buchschätze vor der Literatur alle gleich. Wenn es ums kulturelle Meinung-Sagen ging, war ihm der städtische oder akademische Würdenträger ebenso wenig heilig wie der Kunde König. Im Gegenteil, wenn nach einer überraschenden Nobelpreis-Verleihung beispielsweise das einzige deutsche Buch des Geehrten plötzlich vergriffen war, konnte er dem vorsichtig nachfragenden Kunden schon mal hämisch ins Gesicht sagen: „Geschieht dir recht! Vor einem halben Jahr habe ich das vergeblich und wie sauer Bier angeboten, jetzt kriegst du es nicht mehr!“ Peter Klein hatte da sein eigenes Warenwirschafts-System: nicht, was der Kunde gerade wünscht, sondern schlicht alles, was gut ist, gehört in die Buchhandlung. Und gerne nahm er dabei jede Diskussion darüber, was denn nun gut sei, in Kauf! Mit dem Sortiment seiner Buchhandlung, das auf engem Raum schon eine ganze Menge wahrer Schätze bereithielt, sah Peter Klein seine Aufgabe als Buchhändler allerdings nur halb erfüllt. Wie vermutlich alle anwesenden wissen, war er auch im Veranstalten von Autorenlesungen in weitem Umkreis ungeschlagen. Ich hatte das Glück, zu einer Zeit meine Buchhandels-Ausbildung bei Backhaus zu beginnen, als einerseits viele Autorenlesungen noch mit überschaubarem Aufwand möglich waren, also, um es mal salopp zu sagen, noch nicht die große Kultur-Vakuumpumpe der Literaturfestivals angeworfen worden war, andererseits Peter Klein eben nicht die für eine kleine Buchhandlung auch damals schon zu Buche schlagenden Kosten und Mühen eines ganzjährigen Veranstaltungsprogramms scheute. Sein buchhändlerischer Idealismus und seine unbändige Neugierde auf neue Autorinnen und Autoren waren es, die ihn und seine Mitarbeiter lange vor den heute allerorten stattfindenden agenturgesteuerten Großevents so einige Veranstaltungsrekorde brechen ließen (siehe Gästebuch der Buchhandlung). Auch hier gab es, wie schon oben erwähnt, Triumphe und Niederlagen. Selbstverständlich wurde noch lange nicht jede Autorenlesung adäquat besucht, und natürlich überstiegen meist die Kosten der Veranstaltungen den unmittelbaren ökonomischen Nutzen für die Buchhandlung. Außerdem war sich Peter im Grunde auch darüber im Klaren, dass er mit 10 bis manchmal 20 Lesungen und Büchertischen pro Monat das Publikum und die Buchhandlung bisweilen schlicht überforderte. Aber er war eben, und das zu recht, auch stolz auf seine Leistung und die seiner Mitarbeiter (allen voran Ulla Bein), in der Aachener Provinz ein wahres Feuerwerk an literarischem Programm zu entzünden. Abgesehen von einer ökonomischen oder kulturpolitischen Wertung dieser backhaus´schen Dauerunternehmung kann ich nur ganz persönlich konstatieren, dass ich Peter Klein damals, heute und auch in Zukunft zu tiefst dankbar dafür bin, dass sein „buchhändlerischer Wahnsinn“ mir jede Menge Türen für mein privates wie berufliches Leben geöffnet hat. Peter Kleins nachhaltige und, wie man heute sagen muss, auch sich selbst gegenüber rücksichtslose Hingabe an sein Ideal einer Buchhandlung als Kulturplattform, als Kommunikations- und Vermittlungsinstitution für Literatur hat mich, solange er mein Chef war, manches Mal stark gefordert. Aber noch viel mehr begeistert und für meine sogenannte spätere Karriere im Buchhandel inspiriert. Zwar habe ich mittlerweile den stationären Buchhandel zugunsten der ambulanten Verlagsvertretung verlassen, aber ich wäre ohne meinen Start bei Backhaus nicht dahin gekommen. Zwischenzeitlich habe ich in verschiedenen Buchhandlungen gearbeitet, den Job aus anderen Perspektiven kennen gelernt. Sicherlich habe ich vieles anders gemacht, als Peter Klein es getan hätte. Aber sein Vorbild eines kompromisslos leidenschaftlichen und immer wieder begeisterungsfähigen Buchhändlers hat mich oft genug angetrieben und ist mir bis heute ein Leitstern. In dieser Hinsicht, und hier komme ich auf den eingangs erwähnten „Karrieretag“ des Börsenvereins zurück, kann ich nur jedem, der heute in den Buchhandel einsteigt, wünschen, dass sie oder er neben den notwendigen profunden Kenntnissen, die in kaufmännischem Rechnen, Warenkunde und Warenwirtschaft etc. zu erwerben sind, auch das Glück hat, ein leuchtendes, ein brennendes Vorbild wie Peter Klein es war, kennen zu lernen. Und uns allen, die regelmäßig in Buchhandlungen Bücher suchen, entdecken und kaufen, wünsche ich, dass es noch lange die Möglichkeit geben wird, Buchhandel so oder so, klein oder groß, breit oder konzentriert, à la Amazon oder eben à la Peter Klein zu betreiben.
Jochen Schimmang Meine Lesungen bei Peter Klein Meine erste Lesung bei Backhaus fand am 15. Juni 1998 statt: da stand die Mauer noch. Das Buch hieß Das Vergnügen der Könige, ich las eine meiner Lieblingsgeschichten bis heute (Herr Burgher springt in den Fluß). Der Ort war das Theater im Bunker, wir waren draußen, ein wunderschöner Sommerabend. Ich ging erst in die Buchhandlung, von dort mit Peter zum Hotel. Mein erster Eindruck von Peter Klein war sofort der: das ist ein Heiliger (die äußere Erscheinung). Ein Besessener. Und der Diener der Autoren. Mit allen anderen hat er gern auch mal geschimpft, das habe selbst ich als bloßer vorübergehender Besucher mitbekommen, aber den Autoren gegenüber, wenn ich von mir auf andere schließen darf, war er immer von der erlesensten Höflichkeit. Um auf das Bild des Heiligen zurückzukommen: vielleicht war er ja der Schutzheilige der Autoren. Ich möchte heute eine andere Erzählung aus Das Vergnügen der Könige vorlesen. Sie heißt Philosophenlüste und ich erinnere mich, dass sie Peter Klein, als ich sie las, viel Freude bereitet hat. Womöglich, da die Hauptfigur der Erzählung an mancher Stelle Ähnlichkeiten zur Gestalt des Buchhändlers aufweist:
Philosophenlüste Wilson, der bekannte Philosoph, nahm in einer schmutzigen Januarwoche an einem mehrtägigen Symposion in Frankfurt über die mögliche Aktualität des Solipsismus teil. Jeden Abend verließ er das Symposion als erster und flüchtete im Taxi in entlegene Teile der ihm gut bekannten Stadt. So gelang es ihm, außerhalb des Symposions Kontakte zu Kollegen zu vermeiden und damit auch fruchtlose Diskussionen. Wilson hatte um diese Zeit schon eine Stufe des Denkens erreicht, die sich nicht mehr in Diskussionen, überhaupt kaum noch in Sprache transformieren ließ. Am vorletzten Tag des Symposions verließ er den Saal schon früh während eines Vortrages. Auf leisen Kreppsohlen schlich sich der schwere kurzatmige Mann in seinem viel zu weiten und teuren Anzug hinaus, nur von wenigen Augen beachtet, schnaufte die breiten Treppen hinunter; holte seinen Mantel aus der Garderobe und ließ sich ein Taxi rufen, das um zwanzig Minuten nach sechs kam. Wilson trieb den Fahrer zur Eile an und betrat neun Minuten später, eine Minute vor Ladenschluß, eine ihm bekannte Confiserie, seiner Ansicht nach die beste in ganz Frankfurt, und ließ sich 125 Gramm Buttertrüffeln einpacken. Das Taxi brachte ihn anschließend ins Bahnhofsviertel, wo Professor Wilson, versonnen einen Trüffel nach dem anderen verspeisend, langsam an Peepshows, Anreißern und Nutten vorbeischlenderte, ohne irgendwelche Verlockungen wahrzunehmen, da ihn die Buttertrüffeln in einen Zustand vollkommenen Glücks versetzten. Nur daß ihn niemand sah, hoffte er, wobei nicht die anrüchige Gegend, in der er sich aufhielt, ihn mit Scham erfüllte, sondern allein die Lüsternheit, mit der er seine Trüffeln aß. (aus: Jochen Schimmang: Das Vergnügen der Könige. Erzählungen. Frankfurt am Main 1989, S. 9f.) Ich habe aus allen meinen Büchern, die zwischen 1989 und 1998 erschienen sind, gelesen: sechs an der Zahl gelesen. Ein Datum kann ich allerdings für die meisten Lesungen nicht mehr festmachen. Dafür habe ich Erinnerungsbilder von den Lesungen: Bei der Geistesgegenwart sah ich zur Tür hin; ich las damals unter anderem eine Passage von einer Zugfahrt meines Protagonisten von Köln nach Belgien, das kam natürlich gut an. Bei Carmen saß ich mit dem Rücken zur Tür. Im Publikum war ein Mann in meinem Alter, der mich ständig fixierte, was sich hinterher aufklärte: ich kannte ihn aus einer kurzen Zeit in Tübingen, Anfang der 70er Jahre. Er war beruflich in Aachen unterwegs, sah abends auf einem Bummel das Plakat im Fenster und kam kurz entschlossen zur Lesung. Die letzte Lesung, aus Vertrautes Gelände, besetzte Stadt, fand am 26. August 1998 statt. Ich kam aus Paris, wo ich gerade ein neunmonatiges Aufenthaltsstipendium angetreten hatte. Das war der Abend, an dem ich Peter Klein zum letzten Mal gesehen habe. Hinterher klagte er darüber, wer alles auf der Frankfurter Buchmesse auftreten darf. Er wirkte sehr müde. Einige Monate später besuchte mich Benedikt Geulen in Paris und überbrachte mir die schlimme Nachricht. Nach der Erfahrung der ersten Lesung bin ich auf meinen kleinen Lesereisen immer am liebsten nach Aachen gefahren, das ist keine nachträgliche Verklärung, und ich weiß auch, dass dies vorrangig an der Person des Buchhändlers lag, wenn auch nicht allein. Peter Klein hatte eine verzehrende Liebe für Bücher, und diese Liebe hat in diesem Fall nicht das Objekt verzehrt, sondern den Liebenden selbst. Es war ein großer Glücksfall ihm, begegnet zu sein, Dafür bin ich dankbar, ebenso wie dafür, heute hier eingeladen zu sein, und ich bin ich auch diesmal wieder sehr gern nach Aachen gekommen.
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