Walter-Hasenclever-Gesellschaft

Preisträger 1996 PETER RÜHMKORF

Peter Rühmkorf wurde 1929 als Sohn einer Lehrerin und eines Puppenspielers in Dortmund geboren.
Er machte am Athenaeum in Stade 1951 sein Abitur. Von 1951 bis 1958 studierte er Pädagogik, Germanistik und Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie in Hamburg. Sein Studium brach er nach einer Kontroverse mit dem Germanistikprofessor Hans Pyritz ab. Zusammen mit dem Lyriker und Essayisten Werner Riegel gab er bis zu dessen Tod 1956 die hektographierte Zeitschrift Zwischen den Kriegen heraus, in der sie den “Finismus” als letzte Zusammenfassung aller Avantgarden propagierten. Rühmkorf wurde Mitarbeiter des für die junge kritische Intelligenz der 1950er Jahren bedeutsamen Studentenkurier und dessen Nachfolge-Organ konkret. Von 1958 bis 1964 arbeitete Rühmkorf als Verlagslektor bei Rowohlt. Seither ist er freier Schriftsteller.
Er erhielt zahlreiche literarische Preise und nahm mehrfach Gastdozenturen an deutschen (u.a. Frankfurt am Main, 1980, Paderborn, 1985/86) und ausländischen Universitäten (u.a. Austin, Texas, 1969/70) wahr.
Er ist Mitglied des P.E.N. sowie der Akademie der Künste (Berlin), der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, und der Freien Akademie der Künste, Hamburg.
Zu seinem 75. Geburtstag (2004) zeigte das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung zu Werk und Leben (Rühmkorf Revue - Ein Bilderbogen zum 75sten) mit etwa 850 Exponaten, die eine bedeutende zeitgeschichtliche Einsicht in das umfangreiche Privatarchiv des Dichters gaben.
Peter Rühmkorf starb am 8. Juni 2008 in Roseburg.


Preise (in Auswahl)

1958 Hugo-Jacobi-Preis
1976 Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay
1979 Literaturpreis der Stadt Bremen
1979 Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis
1984 Heinrich-Heine-Ehrengabe der Stadt Düsseldorf
1986 Arno Schmidt Preis
1993 Georg-Büchner-Preis
1993 Justinus-Kerner-Preis der Stadt Weinsberg
1994 Medaille für Kunst und Wissenschaft der Freien und Hansestadt Hamburg
1996 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2000 Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritsche Literatur
2000 Johann-Heinrich-Voß-Preis für Literatur
2002 Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik
2003 Nicolas Born-Preis des Landes Niedersachsen


Werke (in Auswahl)

Heiße Lyrik, 1956, gemeinsam mit Werner Riegel
Irdisches Vergnügen in g, 1959
Kunststücke. Fünfzig Gedichte nebst einer Anleitung zum Widerspruch, 1962
Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund, 1967
Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich, 1975
Phoenix - voran, 1979
Auf Wiedersehen in Kenilworth, Märchen, 1980
Der Hüter des Misthaufens. Aufgeklärte Märchen, 1983
Außer Liebe nichts.Liebesgedichte, 1985
Einmalig wie wir alle, 1989
Tabu I. Tagebücher 1989-1991, 1995
wenn - aber dann. Vorletzte Gedichte, 1999
Von mir zu Euch für uns, 1999
Die Jahre die Ihr kennt. Anfälle und Erinnerungen. Werke 2. Hrsg. von W.Rasch, 1999
Gedichte. Werke 1. Hrsg. von B.Rauschenbach, 2000
Schachtelhalme. Schriften zur Poetik und Literatur. Werke 3. Hrsg. von H.Steinecke, 2001
Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne , Donnerkeile. Hrsg. von St. U.Meyer,
2003
Tabu II. Tagebücher 1971-1972, 2004
Wenn ich mal richtig ICH sag ... Ein Lese-Bilderbuch, Göttingen 2004
Die Märchen. Werke 4. Hrsg. von H.Detering und S.Kerschbaumer, 2007
Aufwachen und Wiederfinden. Gedichte, 2007


Ludwig Harig: Sein papiernes Gespenst.
Lobrede auf Peter Rühmkorf

Woran soll ich besonders ausdrücklich erinnern?
An die wunderbaren Gedichte in „Irdisches Vergnügen in g“ mit ihrer lustvollen Kulinarik am Geschaffenen, an die herrlichen Parodien in „Kunststücke“ mit ihren Reimschmeicheleien für die menschlichen Anklangs- und Genussnerven, an die frühen Jahre mit den späten Einsichten oder an die späten Enthüllungen der frühen Tabus? [...] Peter Rühmkorf, als Erscheinungstyp zugleich das von ihm selbst entdeckte Kenilworthsche Gespenst wie auch der gespenstische Akrobat auf dem Till Eulenspiegelschen Hochseil, ist der Phänotyp des Dichters überhaupt.


Peter Rühmkorf: Danksagung

Als Pinthus in den frühen Sechzigern die erste Hasenclever-Auswahl nach den Kriege zusammenstellte, war ich als Verlagskraft für die „Klassische Moderne“ ein ganz klein bißchen mit von der Partie. Ich habe mir das 1963 erschienene Paperback dieser Tage noch einmal herausgeholt und meine alten Kreuze und Anstreichungen gemustert. Wie heftig hatte einen das alles auch im zweiten Durchgang noch bewegt und wie lange hat es gehalten. Wie stark war man einmal davon ergriffen gewesen und wie tief bis in die eigene lyrische Tonspur hinein hatte es einen schon in sehr frühen Zeiten geprägt. Interessant waren für mich nicht nur meine emphatisch hingehauenen Ausrufezeichen neben expressionistisch geprägten Gedichten.
Interessant waren mir auch meine Eselsohren in den späten Dramen und Theaterstücken und hier zumal in der unendlich poetischen und zugleich tieftraurig zu Herzen gehenden Komödie über den alternden Lügenbaron von Münchhausen. Ja, ich erinnerte mich, – und weiß im Moment nicht einmal, ob ich das Stück nur gelesen oder auch als Fernsehspiel betrachtet habe – daß ich bei der Lektüre oder als Zuschauer wirkliche Tränen vergossen habe.
 

Preisträger 1998 GEORGE TABORI

George Tabori wurde 1914 in Budapest geboren. Nach der Matura begann er im Herbst 1932 eine Hotelfachlehre in Berlin , kehrte aber bereits ein halbes Jahr später nach Budapest zurück, da die nationalsozialistische Machtergreifung ihn als Juden aller Perspektiven beraubte. Er studierte drei Jahre in Budapest, ging 1936 nach London zu seinem Bruder Paul und arbeitete als Journalist und Übersetzer.
1941 wurde er britischer Staatsbürger und übte für zwei Jahre nachrichtendienstliche Tätigkeiten für die British Army aus. In dieser Zeit entstand sein erster Roman Beneath the stone (1943) 1947 siedelte Tabori in die USA über und arbeitete in Hollywood als Drehbuchautor. Er kam in Kontakt mit zahlreichen deutschen
Exilanten wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Theodor W.Adorno. Tabori wurde nun Regisseur und Theaterautor. 1966 gründete er die freie Theatergruppe “The Strolling Players”. 1969 kehrte er erstmals nach Deutschland zurück und inszenierte am Berliner Schiller-Theater mit großem Erfolg seine Stück Die Kannibalen. Er siedelte 1971 nach Deutschland über und gründete 1975 das “Bremer Theaterlabor”. Von 1987 bis 1990 leitete Tabori das Theater “Der Kreis” in Wien und wechselte dann an das von Claus Peymann geleitete Burgtheater, wo er mit der Inszenierung seiner Stücke Mein Kampf, Goldberg Variationen oder Weismann und Rotgesicht den eigentlichen Höhepunkt seiner Karriere erlebte.
Seit 1999 arbeitete er am Berliner Ensemble. Tabori starb am 23.Juli 2007 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof bestattet.


Preise (in Auswahl)

1983: Mülheimer Dramatikerpreis
1988: Theaterpreis Berlin
1988: Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien
1990: Peter-Weiss-Preis
1992: Georg-Büchner-Preis
1994: Bundesverdienstkreuz 1.Klasse
1995: Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien
1998: Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2001: Nestroy-Preis
2001: Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor


Werke (in Auswahl)

Theaterstücke

Die Kannibalen, 1969
Sigmunds Freude, 1975
Talk Show, 1976
Mutters Courage, 1979
Peepshow, 1984
Schuldig geboren, 1987
Mein Kampf, 1987
Weisman und Rotgesicht, 1990
Goldberg-Variationen, 1991
Requiem für einen Spion, 1993
Die Massenmörderin und ihre Freunde, 1995
Die Ballade vom Wiener Schnitzel, 1996
Letzte Nacht im September, 1997
Die Brecht-Akte, 1999
Gesegnete Mahlzeit, 2007

Prosawerke

Die Reise, 1959
Unterammergau oder Die guten Deutschen, 1981
Autodafé. Erinnerungen, 2002
Meine Kämpfe, 2002
Son of a bitch. Roman eines Stadtneurotikers, 2003
Ein guter Mord. Roman, 2004
Gefährten zur linken Hand. Roman, 2004
Tod in Port Aarif. Roman, 2004
Der Spielmacher. Gespräche mit George Tabori, 2004
Exodos. Fortgesetzte Erinnerungen, 2004


Hans-Peter Bayerdörfer: Laudatio auf George Tabori

Die entscheidende Leistung, die der Stückeschreiber Tabori mit seiner eigenen Exils-Sprach-Erfahrung für das deutsche Drama erbracht hat, ist die Erneuerung und Wiederaufwertung des Dialogs.
Mit den Sprachfunden, die ihm das dritte Ohr des Fremdbleibenden einträgt, bestückt er die Scharniere des Gesprächs, das in all seiner Dynamik und Subtilität die Stücke trägt. Und er schafft dazu die dramatischen Voraussetzungen mit den zwillinghaften Figurenpaaren, die einander in skurriler Zuneigung, in der Verbindung von Hass und Liebe, als Täter und Opfer, unersetzlich sind und bleiben. (...)
Es geht um ein deutschsprachiges Theater im Kontext seiner literarischen und und theatralen Nachbarsprachen. Das kulturgeschichtliche Legat dieser Theaterlandschaft besteht darin, dass die – politischen wie theatralen – Vorhänge durchlässig werden. Und es gehört zu diesem Kontext, dass in diesem Zusammenhang auch wieder der Klang jener kulturellen und geistigen Traditionen vernehmbar wird, die das europäische Judentum in alle diese Sprachen eingebracht hat. Kein anderer Autor könnte der europäischen Dramatik deutscher Sprache diese Dimension mit größerer Authentizität und Legitimation vermitteln als George Tabori. Damit kommt ihm als Dramatiker derselbe Rang zu, der unter Lyrikern etwa Nelly Sachs, Paul Celan oder Hilde Domin zusteht.


George Tabori: Danksagung

Man muss der Stadt Aachen dankbar sein, dass sie ihren Sohn Walter Hasenclever aus dem Dunkel hervortreten lässt. [...] Ich blättere in den Briefen, jeder sagt mir etwas. Ich habe nichts von Hasenclever gewusst, jetzt ist er mein Bruder. Vielleicht, weil immer wieder das, was ihn zu retten schien, selbst wenn er es als letzte Nachricht schickt, ein altmodisches Wort ist: die Liebe.
 

Preisträger 2000 OSKAR PASTIOR

Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien geboren. Sein Vater war Zeichenlehrer. Von 1938 bis 1944 besuchte er in seiner Geburtsstadt das Gymnasium. Im Januar 1945 deportierte man den 17-jährigen in die Sowjetunion , wo er in Lagern als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde. Erst 1949 gestattete man ihm die Rückkehr nach Rumänien. Während des anschließenden dreijährigen Wehrdienstes in der rumänischen Armee holte er in Fernkursen seine Reifeprüfung nach. Danach arbeitete er als Betontechniker in einer Baufirma. Von 1955 bis 1960 studierte er
Germanistik an der Universität Bukarest und legte dort sein Staatsexamen ab. Ab 1960 war er Redakteur bei der deutschsprachigen Inlandsabteilung des Rumänischen Staatsrundfunks.
Seine ersten Lyrikveröffentlichungen erregten Aufsehen und brachten ihm zwei bedeutende rumänische Literaturpreise ein. 1968 nutzte Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in den Westen.
Er ging weiter nach München und anschließend nach West-Berlin, wo er seit 1969 als freier Schriftsteller und Übersetzer (u .a. Welimir Chlebnikow u. Tristan Tzara) lebte. Pastior war u.a. seit 1984 Mitglied der Akademie der Künste (Berlin), seit 1989 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und seit 1993 der internationalen Dichtervereinigung OULIPO, mit der er die Vorliebe für Sprachspiel und Wortartistik teilte, wobei die Grenzen zur Nonsense-Dichtung fließend sind.
Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006 während der Buchmesse in Frankfurt am Main.
Am 21. Oktober wurde ihm posthum der Georg-Büchner-Preis für 2006 verliehen.


Preise (in Auswahl)

1965 Literaturpreis der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest
1967 Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes
1969 Förderpreis zum Andreas-Gryphius-Preis
1978 Förderpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie
1983 Preis des SWF-Literaturmagazins
1990 Hugo-Ball-Preis
1993 Ernst-Meister-Preis für Lyrik
1998 Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis
2000 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2001 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik
2002 Erich-Fried-Preis
2006 Georg-Büchner-Preis


Werke (in Auswahl)

Fludribusch im Pflanzenheim, 1960
Offene Worte, 1964
Gedichte, 1965
Vom Sichersten ins Tausendste, 1969
Gedichtgedichte, 1973
Höricht, 1975
Fleischeslust, 1976
Der krimgotische Fächer, 1978
Wechselbalg, 1980
Sonetburger, 1983
Anagrammgedichte, 1985
Ingwer und Jedoch, 1985
Lesungen mit Tinnitus, 1986
Jalousien aufgemacht, 1987
Kopfnuß, Januskopf, 1990
Neununddreißig Gimpelstifte, 1990
Feiggehege, 1991
Vokalisen & Gimpelstifte, 1992
Eine kleine Kunstmaschine, 1994
Das Unding an sich, 1994
Das Hören des Genitivs, 1997
Der Janitscharen zehn, 1998
Standort mit Lambda, 1998
O du roher Iasmin, 2000
Villanella & Pantum, 2000

Werkausgabe
Bd. 2. „Jetzt kann man schreiben was man will!“, 2003
Bd. 3. „Minze Minze flaumiran Schpektrum“, 2004
Bd. 1. „...sage, du habest es rauschen gehört“, 2006 Gewichtete Gedichte. Chronologie der Materialien, Hombroich 2006


Péter Esterházy: Laudatio auf Oskar Pastior

Auch Pastior lebt im Exil. Dabei denke ich nicht etwa an seinen Weg aus Hermannstadt nach Berlin, obwohl
auch das als eine Verbannung betrachtet werden kann, und es wäre eine Parallele zwischen dem
Namensgeber und dem Empfänger des Preises, eher denke ich an jene Selbstverbannung, die wohl die
wichtigste Antriebsfeder von Pastiors Kunst ist. Pastior hat die Sprache mit Hilfe der Sprache verlassen, aus
jener Sprache, die wir jeden Tag benützen, mit der wir hundert Gramm Landpastete und zwei Eintrittskarten
für die Empore kaufen, mit der wir vier Laudationen halten und um Liebe flehen, aus dieser Sprache ist er
hinausgesprungen – sie hat er verlassen, um das Ideal der Sprache kennen zu lernen, um in der Nähe der
wirklichsten Wirklichkeit sein zu können. Pastior spricht in der Sprache von Finnegans' Wake und in
Chlebnikows 'Sternensprache'. Das Wissen von Sprache zu trennen – das könnte Pastiors Zielsetzung sein.


Oskar Pastior: Dankesredelesung

Mein absichtsloser Weg zum Anagramm (welches ich ja dann in Rom 1983, intensiv und exzessiv nach Titelzeilen von Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel betrieb) war so gesehen die Konsequenz dessen, was buchstäblich permanent in einem fort im Anagramm die Zeit vertreibt, sie entbehrlich, ja unnötig macht, ohne echte Richtung, dadurch aber auch ein wenig endlos lang und unabsehbar – die herrliche Spielbereitschaft des Anagramms.
Wenngleich ich schon eine gewisse Prädisposition bei mir selber zu anagrammatischen Ausschweifungen und anderen Orgien der Permutation nicht leugnen möchte. Schließlich kommen Ortsveränderungen, Umzüge und Deportationen auch nicht aus heiterem Himmel.
Kann ich so etwas sagen? Darf ich vom Buchstaben im Namen wie von einem historischen Genom sprechen? Und wie ist das mit dem Dürfen und dem Sollen und dem Mögen? Wir sollten unsere Option auf die anagrammatische Anmutung und Würde des Möglichen im einleuchtenden Satzgeschehen bitte offenhalten.

 

Preisträgerin 2002 MARLENE STREERUWITZ

Marlene Streeruwitz wurde 1950 in Baden bei Wien geboren und studierte dort Slawistik und Kunstgeschichte.
Ihre Laufbahn als Autorin begann mit dem Schreiben von Theaterstücken und mit Regiearbeit.
Seit 1992 werden ihre Theaterstücke an zahlreichen Bühnen aufgeführt. 1996 erschien ihr erster Roman, für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. In schneller Folge sind seither Romane, Theaterstücke und Novellen erschienen. Marlene Streeruwitz nahm mehrere Gastdozenturen wahr, die in ihren theoretischen Schriften ihren Niederschlag fanden.
Die feministisch orientierte Streeruwitz gilt als eine der engagiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Mit ungewöhnlicher Schärfe kommentiert sie die politischen Ereignisse in Österreich. Im März 2004 lehnte Marlene Streeruwitz den Badener Kulturpreis ab, da er ihr von Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) hätte überreicht werden sollen. Sie lebt in Wien und Berlin.


Preise (in Auswahl)

1996: Mara-Cassens-Preis
2000: Österreichischer Würdigungs-Staatspreis für Literatur
2001: Hermann-Hesse-Preis
2002: Walter-Hasenclever-Literaturpreis


Werke (in Auswahl)

Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre., 1996
Sein. Und Schein. Und Erscheinen., Tübinger Poetikvorlesungen, 1997
Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen., Frankfurter Poetikvorlesungen, 1998
Lisa's Liebe., Roman in drei Folgen, 1997
Nachwelt., Roman, 1999
Waikiki Beach. Und andere Orte., Die Theaterstücke, 1999
Majakowskiring., Erzählung, 2000
Partygirl., Roman, 2002
Jessica, 30. Roman, 2004
Morire in Levitate., Novelle, 2004
Gegen die tägliche Beleidigung., Vorlesungen, 2004
Entfernung., Roman, 2006


Karl Riha: Laudatio auf Marlene Streeruwitz

Sie tendiert zum spielerischen Umgang mit den Mitteln des Theaters, öffnet surrealistische Einblicke und folgt collagistischen Handlungsentwürfen, dabei kommt es immer wieder zu Zeitkolorit-Anspielungen und blitzen auch sonst – wie etwa mit der feministischen Einstellung der Autorin – aktuelle Bezüge auf.


Marlene Streeruwitz: Dankrede

Die Behauptung vom Theater als Ort einer kritischen Gegenposition wird zum Entlastungsritual vom Stress der Mehrheit einer Gesellschaft, die die Definition Mehrheit stets bereithalten zu müssen glaubt. Unbewusst eilfertig liefert das Theater dann diese Entlastung in der historisierenden Entkontextualisierung, meist des Klassikers. [...] Wenn ich also nun in einem Lexikon lese: “Hasenclevers Schriften der zwanziger Jahre und des Exils fanden literaturgeschichtlich wenig Bedeutung, unter anderem wegen der zeitlichen Gebundenheit der Stoffe”, so wird mir hier beschrieben, dass sich die Stücke Hasenclevers nicht zur Entkontextualisierung eignen, dass ihre Form und Sprache auf der beabsichtigten Kontextualisierung bestanden und darin die Literaturhaftigkeit nicht zu entziehen war.

 

Preisträger 2004 FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS

Friedrich Christian Delius wurde 1943 in Rom geboren und wuchs im hessischen Wehrda auf.
Er besuchte Gymnasien in Bad Hersfeld und Steinatal; das Abitur legte er 1963 an der Alten Landesschule Korbach ab. Von 1963 bis 1970 studierte er Literaturwissenschaft an der FU und der TU
Berlin, wo er 1970 bei Walter Höllerer mit der Arbeit "Der Held und sein Wetter" promovierte.
Von 1970 bis 1973 war er Lektor bei Wagenbach, von 1973 bis 1978 bei Rotbuch.
Seither ist er freier Schriftsteller. Er lebt in Berlin und in Rom.
Delius begann in den 60er Jahren mit gesellschaftskritischer Lyrik und dokumentarischen, oft satirischen Texten.
Seit den 70er Jahren schreibt er vorwiegend Romane, häufig zu Themen aus der Geschichte der BRD, z.B. zum Deutschen Herbst.
Friedrich Christian Delius ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und seit 1998 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.


Preise (in Auswahl)

1967 Preis Junge Generation zum Kunstpreis Berlin
1971 Villa-Massimo-Stipendium
1989 Gerrit-Engelke-Preis
2004 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2004 Fontane-Preis für Literatur
2007 Schubart-Literaturpreis
2007 Preis des Verbandes der deutschen Kritiker
2007 Joseph-Breitbach-Preis


Werke (in Auswahl)

Kerbholz, 1965
Wir Unternehmer, 1966 (zusammen mit Karl-Heinz Stanzick)
Der Held und sein Wetter. Dissertation, 1971
Unsere Siemens-Welt, 1972
Ein Bankier auf der Flucht, 1975
Ein Held der inneren Sicherheit, 1981
Adenauerplatz, 1984
Mogadischu Fensterplatz, 1987
Japanische Rolltreppen, 1989
Die Birnen von Ribbeck, 1991
Himmelfahrt eines Staatsfeindes, 1992
Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, 1994
Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, 1995
Die Verlockungen der Wörter oder Warum ich immer noch kein Zyniker bin, 1996
Die Flatterzunge, 1999
Der Königsmacher, 2001
Mein Jahr als Mörder, 2004
Bildnis der Mutter als junge Frau, 2006


Katja Langen-Müller: Ich leih dir meinen Kopf.
Laudatio auf Friedrich Christian Delius

Mich beeindruckt am stärksten, wie genau unser Preisträger den Ton seiner Figuren trifft, egal ob er sie aus der Ich -Perspektive erzählen oder miteinander reden oder, personal geführt, absolut glaubwürdige, ja ‘gefühlsechte’ Monologe und Gedankenmonologe halten lässt. [...]
Literarische Begabung, soziale Leidenschaft und intellektuelle Kompetenz unseres Preisträgers mögen ‘in Tateinheit’ bewirken, dass ihm die meisten seiner Charaktere derartig kompakt und komplex geraten können, so dialektisch, im besten, eben nicht dogmatischen Sinne.


Friedrich Christian Delius: “Ausgerechnet am 11.September”. Dankrede

Hängen der Trend zum Analphabetismusund der neue politische Analphabetismus, hängen der ästhetische und der moralische Verfall zusammen, und wenn ja, wie? Diese Frage kann ich mit Schillers 'Ästhetischer Erziehung' nur bejahen. Ohne die 'Ausbildung des Empfindungsvermögens', ohne die Kultivierung der Sinne keine Freiheit.
Ich will mit Schillers Autorität das Selbstverständliche unterstreichen, das inzwischen auch Hirnforschung und Bildungsforschung belegen: Ohne musische Fähigkeiten gibt es keine gesellschaftlichen Fähigkeiten, ohne Emotionalität keine Vernunft, ohne ein Sensorium für die Künste gibt es kein Sensorium für Demokratie, ohne die Literatur, beispielsweise, versinken wir in Barbarei.
 

 

Preisträgerin 2006 HERTA MÜLLER

Herta Müller wurde 1953 in Nitzkydorf, im deutschsprachigen rumänischen Banat geboren.
Nach dem Abitur studierte sie von 1973 bis 1976 an der Universität Temeswar Germanistik und rumänische Literatur. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde allerdings 1979 nach ihrer Weigerung, mit der rumänischen Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit zeitweiliger Lehrtätigkeit in Schulen und Kindergärten sowie mit privatem Deutschunterricht. Ihr erstes Buch Niederungen konnte 1982 in Rumänien nur in zensierter Fassung erscheinen. 1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus und lebt seither in Berlin. In den folgenden Jahren erhielt sie eine Reihe von Lehraufträgen als writer-inresidence an Universitäten im In- und Ausland. 2005 war sie Heiner Müller-Gastprofessorin an der FU Berlin. Ihre Werke sind von ihrem Leben unter der Ceauscescu-Diktatur geprägt; sie befasst sich mit Sprache als Instrument von Herrschaft und Unterdrückung, aber auch als Mittel des inneren Widerstands.
Herta Müller gehörte bis 1997 dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an und ist seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.


Preise (in Auswahl)

1981 Adam-Müller-Guttenbrunn-Förderpreis des Temeswarer Literaturkreises
1984 Aspekte-Literaturpreis,
1985 Rauriser Literaturpreis,
1987 Ricarda-Huch-Preis
1989 Marieluise-Fleißer-Preis
1990 Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim,
1991 Kranichsteiner Literaturpreis
1993 Kritikerpreis für Literatur
1994 Kleist-Preis
1995 Europäischen Literaturpreis Prix Aristeion,
1997 Literaturpreis der Stadt Graz,
1998 Ida-Dehmel-Literaturpreis
1999 Franz-Kafka-Preis,
2002 Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz,
2003 Joseph-Breitbach-Preis
2004 Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung
2005 Berliner Literaturpreis
2006 Würth-Preis für Europäische Literatur
2006 Walter-Hasenclever-Literaturpreis


Werke (in Auswahl)

Niederungen, 1982
Drückender Tango, 1984
Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, 1986
Barfüßiger Februar, 1987
Reisende auf einem Bein, 1989
Wie Wahrnehmung sich erfindet, 1990
Der Fuchs war damals schon der Jäger, 1992
Der Wächter nimmt seinen Kamm, 1993
Herztier, 1994
Hunger und Seide, 1995
Heute wär ich mir lieber nicht begegnet, 1997
Der fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne, 1999
Im Haarknoten wohnt eine Dame, 2000
Der König verneigt sich und tötet, 2003
Die blassen Herren mit den Mokkatassen, 2005


Norbert Otto Eke: Das ‘kleine Sagen’ und das ‘große Sagen’.
Herta Müllers Gegenschrift. Laudatio

Totalitäre Systeme gründen ihre Macht auf Eindeutigkeit. Das Zweideutige, Uneigentliche dagegen wird als subversiv empfunden. Wo die Sprache der Macht Eindeutigkeit verlangt, setzt Herta Müller auf die Schaffung von Assoziationsräumen durch stilistische Doppelbödigkeit: von Worten, Symbolen, Sachverhalten. Mit einem Schreibverfahren doppelter Optik, das mit immer wieder überraschenden Bildfügungen das Lesen irritiert, sucht sie den jeweils ‘durch das Land laufenden Sehnerv’ der Macht, der herrschenden Meinung, der genormten Wahrnehmung zu blenden.


Herta Müller: So ein großer Körper und so ein kleiner Motor. Dankrede

Das Leben wird Literatur – wie soll es denn sonst sein. Nichts eins zu eins hab ich über Erlebtes geschrieben, nur auf Umwegen. Immer prüfe ich, ob das unwirklich Erfundene sich das wirklich Geschehene vorstellen kann.


 

 Preisträger 2008 CHRISTOPH HEIN

Christoph Hein wurde 1944 in Schlesien geboren, wuchs nach der Vertreibung in einer Kleinstadt bei Leipzig auf. Als Pfarrerssohn war ihm der Besuch des Gymnasiums in der DDR verwehrt, so dass er ein Gymnasium in Westberlin besuchte, aber seinen ostdeutschen Wohnsitz behielt und nach dem Mauerbau in der DDR lebte.

1964 konnte Hein das Abitur auf einer Abendschule ablegen. Allerlei Gelegenheitsarbeiten schloss sich 1967-71 ein Studium der Philosophie und Logik in Leipzig und Ostberlin an, ab 1974 war er als Autor an der Volksbühne unter Benno Besson tätig. Ab Mitte der 70er Jahre wurden in der DDR und ab 1980 in der BRD Stücke von Hein inszeniert. Mit Werken wie „Schlötel oder Was soll’s“, „Cromwell“ oder „Lassalle“ machte er sich zuerst als Dramatiker einen Namen, bevor 1982 seine Novelle „Der fremde Freund“ (1983 als „Drachenblut“ in der BRD) ihn als Prosaautor vorstellte.

Von der Mitte der 80er Jahre bis heute erschienen in regelmäßigen Abständen seine viel beachteten Romane, u. a. „Der Tangospieler“ (1989), „Das Napoleon-Spiel“ (1993), „Willenbrock“ (2000) und der umfangreiche Künstlerroman „Frau Paula Trousseau“ (2007) über Leben und Arbeiten einer Malerin in der DDR und in der Nachwendezeit. Nebenher veröffentlichte Christoph Hein mehrere Bände mit Erzählungen. Auch seine Tätigkeit für die Bühne setzte sich kontinuierlich fort.

Die Gesellschaftsbezogenheit seines Schreibens dokumentiert sich in mehreren Essaybänden, in denen Christoph Hein zu politischen und kulturellen Themen Stellung bezogen und eindringende Schriftstellerporträts publiziert hat. Bis 2006 gehörte er zu den Herausgebern der Wochenzeitung „Freitag“.

 

Preise (in Auswahl)

1982 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR               1989 Lessingpreis der DDR                                                                                1990 Erich-Fried-Preis                                                                                         1992 Berliner Literaturpreis                                                                                 1994 Peter-Huchel-Preis                                                                                     1998 Peter-Weiss-Preis                                                                                         2004 Schiller-Gedächtnispreis

 

Werke (in Auswahl)

Cromwell und andere Stücke,1981                                                                Der fremde Freund, 1982, DDR, u. d. T. Drachenblut, 1983, BRD              Horns Ende, 1985                                                                                                   Öffentlich arbeiten, 1987                                                                                     Passage, 1988                                                                                                       Der Tangospieler, 1989                                                                                       Die Ritter der Tafelrunde, 1989                                                                          Als Kind habe ich Stalin gesehen, 1990                                                         Das Napoleon-Spiel, 1993                                                                                 Exekution eines Kalbes und andere Erzählungen, 1994                            Die Mauern von Jerichow, 1996                                                                      Von allem Anfang an, 1997                                                                              Willenbrock, 2000                                                                                                Landnahme, 2004                                                                                                Frau Paula Trousseau, 2007

 

Aus Martin Krumbholz’ Laudatio

Sie wissen vielleicht, dass Christoph Hein sich selbst am liebsten als Humoristen, am zweitliebsten aber als Chronisten, und zwar, er ist nun einmal ein Pfarrerssohn und muss das partout verleugnen, als „Chronisten ohne Botschaft“ bezeichnet. [...] Ich vermute indessen, dass Hein mit dem Begriff „Chronist“ noch etwas anderes meint: nämlich die Neigung, sich hinter Erzählmasken beinahe unsichtbar zu machen. Wenn Sie die Romane „Horns Ende“ und „Landnahme“ nebeneinander halten – beide beschäftigen sich mit der Frühzeit, der Gründungsgeschichte der DDR –, sehen Sie diese formale Gemeinsamkeit, dass beide Romane mehrere und einander widersprechende Erzähler haben. Und beide handeln von moralischer Schuld; natürlich ist Hein ein Moralist, vielleicht ein Moralist ohne positive Moral. Christoph Hein war 45 Jahre alt, als die DDR an ihr rühmliches Ende kam (ein bisschen rühmlich zumindest aus der Perspektive der Regimekritiker, zu denen er gehörte). Und es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Prosawerk Kontinuitäten gibt über den Systemwechsel hinaus; damit meine ich jetzt nicht ästhetische Kontinuitäten, sondern inhaltliche, politische. Hein ist gewiss nicht ein unerbittlicher Kritiker des einen Systems, weil er ein feuriger Anhänger des anderen wäre, soviel ist sicher.“

 

Auszug aus Christoph Heins Dankrede

Fünfzig Jahre war Hasenclever alt, als er, in einem französischen Lager interniert, Selbstmord beging. Er war einer der wichtigsten Dramatiker und Lyriker des deutschen Expressionismus, seine Stücke wurden nach dem ersten Weltkrieg von vielen Bühnen aufgeführt. Dann wechselte die Mode, die expressionistischen Stücke verschwanden von den Spielplänen und Walter Hasenclever schrieb nun sehr erfolgreiche Unterhaltungskomödien. Mit Hitlers Machtantritt war auch diese Zeit für ihn beendet, er musste emigrieren. Als die Franzosen ihm keinen Schutz mehr boten, sondern den Wünschen und dem Druck des 3. Reiches nachgaben und ihn wie viele andere deutsche Antifaschisten festsetzten, um ihn auszuliefern, floh er nochmals, emigrierte er in den Tod.

Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft wehrt sich gegen diese Auslöschung, setzt Zeichen gegen dieses Vergessen. Das ist umso verdienstvoller und ehrenwerter, als es nicht nur ein Signal gegen die Zeitmode ist, sondern auch Widerstand gegen einen Sieg von Hitler bedeutet, ein Widerstehen gegen die Barbarei, gegen den Versuch einer Auslöschung, die das 3. Deutsche Reich an der deutschen Kultur und den Künstlern mit nachhaltigem Erfolg vornahm.

 

 

Preisträger 2010 RALF ROTHMANN

Ralf Rothmann wurde am 10.5.1953 in Schleswig geboren. Angelockt vom Boom im Ruhrgebiet zog die Familie 1958 in den Oberhausener Vorort Sterkrade. Nach einem kurzen Besuch der Handelsschule begann Rothmann 1968 eine Lehre als Maurer und übte den Beruf bis 1972 aus. Dann ging Rothmann nach Essen, wo er vier Jahre als Krankenpfleger arbeitete. 1976 erfolgte der Umzug nach Berlin. In den ersten Jahren übt er zahlreiche Gelegenheitsjobs aus: Koch in einer Großküche, Drucker, Fahrer und Taxichauffeur. 1984 debütierte er mit dem Gedichtband Kratzer. Mit der 1986 erschienenen Erzählung Messers Schneide verschob sich der Schwerpunkt seines Schreibens auf die Prosa. Seither hat Rothmann mehr als ein halbes Dutzend Romane und zwei weitere Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Von ihren Schauplätzen her konzentrieren sich Rothmanns Werke auf das Ruhrgebiet und auf Berlin. In den Kohlenpott-Romanen stehen Jugendliche im Mittelpunkt, die unter kaputten Familien und kultureller Ödnis leiden. Eine Atmosphäre latenter Gewalt, die wie Mehltau über den Beziehungen von Ehepartnern, Eltern und Kindern liegt, erzeugt bei den jungen Protagonisten die Empfindung einer Perspektivlosigkeit, gegen die sie durch die Flucht in die Rockmusik und die Entdeckung des Kontinents Liebe revoltieren. In seinen Berlin-Romanen zeigt sich Rothmann als ein genauer Diagnostiker der sozialen Folgekosten der Wiedervereinigung an der Nahtstelle von Ost und West. Er erkundet die Lebensräume des neuen Prekariats und notiert in nüchternem Tonfall das Verschwinden der alternativen Kiez-Soziotope in der neoliberalen Nachwendezeit.

 

Preise (in Auswahl)

2001 Hermann-Lenz-Preis                                                                          2004 Wilhelm-Raabe-Literaturpreis                                                                2005 Heinrich-Böll-Preis                                                                                     2006 Max-Frisch-Preis

 

Werke (in Auswahl)

Kratzer, 1984                                                                                                          Messers Schneide, 1986                                                                               Stier, 1991                                                                                          Wäldernacht, 1994                                                                                      Flieh, mein Freund!, 1998                                                                          Milch und Kohle, 2000                                                                                    Ein Winter unter Hirschen, 2001                                                                  Hitze, 2003                                                                                                  Junges Licht, 2004                                                                                               Rehe am Meer, 2006                                                                                           Feuer brennt nicht, 2010

 

Lutz Hagestedt in seiner Laudatio:

Ralf Rothmann schildert eine Welt, in der das Soziale nicht auf schöne, allenfalls auf bitterschöne Weise zur Darstellung kommt. Gescheiterte Existenzen, Sozialfälle, trübselige Milieus, Stadtproletariat, Edelpenner: ‚Kroppzeug zu Kroppzeug’, wie es einmal heißt. Aber mit welcher Liebe und Vollkommenheit erzählt er und mit welch untrüglicher Milieukenntnis zeigt er uns die Brüche auf, die quer durch unsere Gesellschaft verlaufen, durch die sozialen Räume, die Familien, die Quartiere in den Städten, die Arbeitsverhältnisse, und mit welcher Menschenkenntnis zeigt er uns auch die inneren Brüche, die Risse durch die Person, durch die Paarbeziehung, durch das Weltbild, das man sich einmal zurechtgelegt hat. Eine scheinbar kalte, brutale Welt, völlig illusionslos, und zugleich eine warmherzige Welt, getragen von Sorge und Fürsorge.

 

Aus Ralf Rothmanns Dankrede ‚Blinde im Wald’:

Dass einer wie Hasenclever dennoch nicht seinen Humor und seine Selbstironie verlor, dass er immer wieder die Kraft aufbrachte, sich und seine Leiden, die für uns Heutige kaum noch vorstellbar sind, nicht allzu ernst zu nehmen, und dabei doch ein mitfühlender und bis zuletzt fürsorglicher Mensch blieb, sogar noch im Gefangenenlager, zeugt von einer Größe, die einen auch deswegen so anrührt und bestärkt, weil sie Ausdruck dessen war, was immer der goldklare Gipfel jeder persönlichen Entwicklung sein wird: Innere Freiheit. Sie, die sich der lebenslangen Hingabe an die geistigen, erotischen und metaphysischen Möglichkeiten der Poesie verdankte, war sein eigentliches Haupt- und Meisterwerk, und noch der letzte, der allerletzte Schritt, den er wagte, war Ausdruck dieser Freiheit.