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Preisträger 1998 GEORGE TABORI
George Tabori wurde 1914 in Budapest geboren. Nach der Matura begann er im Herbst 1932 eine Hotelfachlehre in
Berlin , kehrte aber bereits ein halbes Jahr später nach Budapest zurück, da die nationalsozialistische Machtergreifung ihn als Juden aller Perspektiven beraubte. Er studierte drei Jahre in Budapest, ging 1936 nach London zu
seinem Bruder Paul und arbeitete als Journalist und Übersetzer. 1941 wurde er britischer Staatsbürger und übte für zwei Jahre nachrichtendienstliche Tätigkeiten für die British Army aus. In dieser Zeit entstand sein erster
Roman Beneath the stone (1943) 1947 siedelte Tabori in die USA über und arbeitete in Hollywood als Drehbuchautor. Er kam in Kontakt mit zahlreichen deutschen Exilanten wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und
Theodor W.Adorno. Tabori wurde nun Regisseur und Theaterautor. 1966 gründete er die freie Theatergruppe “The Strolling Players”. 1969 kehrte er erstmals nach Deutschland zurück und inszenierte am Berliner Schiller-Theater mit
großem Erfolg seine Stück Die Kannibalen. Er siedelte 1971 nach Deutschland über und gründete 1975 das “Bremer Theaterlabor”. Von 1987 bis 1990 leitete Tabori das Theater “Der Kreis” in Wien und wechselte dann an das von Claus
Peymann geleitete Burgtheater, wo er mit der Inszenierung seiner Stücke Mein Kampf, Goldberg Variationen oder Weismann und Rotgesicht den eigentlichen Höhepunkt seiner Karriere erlebte. Seit 1999 arbeitete er am Berliner
Ensemble. Tabori starb am 23.Juli 2007 und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof bestattet.
Preise (in Auswahl)
1983: Mülheimer Dramatikerpreis 1988: Theaterpreis Berlin
1988: Josef-Kainz-Medaille der Stadt Wien 1990: Peter-Weiss-Preis 1992: Georg-Büchner-Preis 1994: Bundesverdienstkreuz 1.Klasse 1995: Goldene Ehrenmedaille der Stadt Wien
1998: Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2001: Nestroy-Preis 2001: Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor
Werke (in Auswahl)
Theaterstücke
Die Kannibalen, 1969 Sigmunds Freude, 1975
Talk Show, 1976 Mutters Courage, 1979 Peepshow, 1984 Schuldig geboren, 1987 Mein Kampf, 1987 Weisman und Rotgesicht, 1990 Goldberg-Variationen, 1991 Requiem für einen Spion, 1993
Die Massenmörderin und ihre Freunde, 1995 Die Ballade vom Wiener Schnitzel, 1996 Letzte Nacht im September, 1997 Die Brecht-Akte, 1999 Gesegnete Mahlzeit, 2007
Prosawerke
Die Reise, 1959
Unterammergau oder Die guten Deutschen, 1981 Autodafé. Erinnerungen, 2002 Meine Kämpfe, 2002 Son of a bitch. Roman eines Stadtneurotikers, 2003 Ein guter Mord. Roman, 2004
Gefährten zur linken Hand. Roman, 2004 Tod in Port Aarif. Roman, 2004 Der Spielmacher. Gespräche mit George Tabori, 2004 Exodos. Fortgesetzte Erinnerungen, 2004
Hans-Peter Bayerdörfer: Laudatio auf George Tabori
Die entscheidende Leistung, die der Stückeschreiber Tabori mit seiner eigenen Exils-Sprach-Erfahrung für das deutsche Drama erbracht hat, ist die Erneuerung und
Wiederaufwertung des Dialogs. Mit den Sprachfunden, die ihm das dritte Ohr des Fremdbleibenden einträgt, bestückt er die Scharniere des Gesprächs, das in all seiner Dynamik und Subtilität die Stücke trägt. Und er schafft
dazu die dramatischen Voraussetzungen mit den zwillinghaften Figurenpaaren, die einander in skurriler Zuneigung, in der Verbindung von Hass und Liebe, als Täter und Opfer, unersetzlich sind und bleiben. (...) Es geht um ein
deutschsprachiges Theater im Kontext seiner literarischen und und theatralen Nachbarsprachen. Das kulturgeschichtliche Legat dieser Theaterlandschaft besteht darin, dass die – politischen wie theatralen – Vorhänge durchlässig
werden. Und es gehört zu diesem Kontext, dass in diesem Zusammenhang auch wieder der Klang jener kulturellen und geistigen Traditionen vernehmbar wird, die das europäische Judentum in alle diese Sprachen eingebracht hat. Kein
anderer Autor könnte der europäischen Dramatik deutscher Sprache diese Dimension mit größerer Authentizität und Legitimation vermitteln als George Tabori. Damit kommt ihm als Dramatiker derselbe Rang zu, der unter Lyrikern etwa
Nelly Sachs, Paul Celan oder Hilde Domin zusteht.
George Tabori: Danksagung
Man muss der Stadt Aachen dankbar sein, dass sie ihren Sohn Walter Hasenclever aus dem Dunkel hervortreten lässt. [...] Ich
blättere in den Briefen, jeder sagt mir etwas. Ich habe nichts von Hasenclever gewusst, jetzt ist er mein Bruder. Vielleicht, weil immer wieder das, was ihn zu retten schien, selbst wenn er es als letzte Nachricht schickt, ein
altmodisches Wort ist: die Liebe.
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Preisträger 2000 OSKAR PASTIOR
Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien
geboren. Sein Vater war Zeichenlehrer. Von 1938 bis 1944 besuchte er in seiner Geburtsstadt das Gymnasium. Im Januar 1945 deportierte man den 17-jährigen in die Sowjetunion , wo er in Lagern als Zwangsarbeiter eingesetzt wurde.
Erst 1949 gestattete man ihm die Rückkehr nach Rumänien. Während des anschließenden dreijährigen Wehrdienstes in der rumänischen Armee holte er in Fernkursen seine Reifeprüfung nach. Danach arbeitete er als Betontechniker in
einer Baufirma. Von 1955 bis 1960 studierte er Germanistik an der Universität Bukarest und legte dort sein Staatsexamen ab. Ab 1960 war er Redakteur bei der deutschsprachigen Inlandsabteilung des Rumänischen
Staatsrundfunks. Seine ersten Lyrikveröffentlichungen erregten Aufsehen und brachten ihm zwei bedeutende rumänische Literaturpreise ein. 1968 nutzte Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in den Westen. Er
ging weiter nach München und anschließend nach West-Berlin, wo er seit 1969 als freier Schriftsteller und Übersetzer (u .a. Welimir Chlebnikow u. Tristan Tzara) lebte. Pastior war u.a. seit 1984 Mitglied der Akademie der Künste
(Berlin), seit 1989 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und seit 1993 der internationalen Dichtervereinigung OULIPO, mit der er die Vorliebe für Sprachspiel und Wortartistik teilte, wobei die Grenzen
zur Nonsense-Dichtung fließend sind. Oskar Pastior starb am 4. Oktober 2006 während der Buchmesse in Frankfurt am Main. Am 21. Oktober wurde ihm posthum der Georg-Büchner-Preis für 2006 verliehen.
Preise (in Auswahl)
1965 Literaturpreis der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest 1967 Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1969 Förderpreis zum Andreas-Gryphius-Preis 1978 Förderpreis des
Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie 1983 Preis des SWF-Literaturmagazins 1990 Hugo-Ball-Preis 1993 Ernst-Meister-Preis für Lyrik 1998 Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis
2000 Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2001 Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik 2002 Erich-Fried-Preis 2006 Georg-Büchner-Preis
Werke (in Auswahl)
Fludribusch im Pflanzenheim, 1960
Offene Worte, 1964 Gedichte, 1965 Vom Sichersten ins Tausendste, 1969 Gedichtgedichte, 1973 Höricht, 1975 Fleischeslust, 1976 Der krimgotische Fächer, 1978 Wechselbalg, 1980 Sonetburger, 1983
Anagrammgedichte, 1985 Ingwer und Jedoch, 1985 Lesungen mit Tinnitus, 1986 Jalousien aufgemacht, 1987 Kopfnuß, Januskopf, 1990 Neununddreißig Gimpelstifte, 1990 Feiggehege, 1991
Vokalisen & Gimpelstifte, 1992 Eine kleine Kunstmaschine, 1994 Das Unding an sich, 1994 Das Hören des Genitivs, 1997 Der Janitscharen zehn, 1998 Standort mit Lambda, 1998 O du roher Iasmin, 2000
Villanella & Pantum, 2000
Werkausgabe Bd. 2. „Jetzt kann man schreiben was man will!“, 2003 Bd. 3. „Minze Minze flaumiran Schpektrum“, 2004 Bd. 1. „...sage, du habest
es rauschen gehört“, 2006 Gewichtete Gedichte. Chronologie der Materialien, Hombroich 2006
Péter Esterházy: Laudatio auf Oskar Pastior
Auch Pastior lebt im Exil. Dabei denke ich nicht etwa an seinen Weg aus
Hermannstadt nach Berlin, obwohl auch das als eine Verbannung betrachtet werden kann, und es wäre eine Parallele zwischen dem Namensgeber und dem Empfänger des Preises, eher denke ich an jene Selbstverbannung, die wohl
die wichtigste Antriebsfeder von Pastiors Kunst ist. Pastior hat die Sprache mit Hilfe der Sprache verlassen, aus jener Sprache, die wir jeden Tag benützen, mit der wir hundert Gramm Landpastete und zwei Eintrittskarten
für die Empore kaufen, mit der wir vier Laudationen halten und um Liebe flehen, aus dieser Sprache ist er hinausgesprungen – sie hat er verlassen, um das Ideal der Sprache kennen zu lernen, um in der Nähe der
wirklichsten Wirklichkeit sein zu können. Pastior spricht in der Sprache von Finnegans' Wake und in Chlebnikows 'Sternensprache'. Das Wissen von Sprache zu trennen – das könnte Pastiors Zielsetzung sein.
Oskar Pastior: Dankesredelesung
Mein absichtsloser Weg zum Anagramm (welches ich ja dann in Rom 1983, intensiv und exzessiv nach Titelzeilen von Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel betrieb) war so gesehen die
Konsequenz dessen, was buchstäblich permanent in einem fort im Anagramm die Zeit vertreibt, sie entbehrlich, ja unnötig macht, ohne echte Richtung, dadurch aber auch ein wenig endlos lang und unabsehbar – die herrliche
Spielbereitschaft des Anagramms. Wenngleich ich schon eine gewisse Prädisposition bei mir selber zu anagrammatischen Ausschweifungen und anderen Orgien der Permutation nicht leugnen möchte. Schließlich kommen
Ortsveränderungen, Umzüge und Deportationen auch nicht aus heiterem Himmel. Kann ich so etwas sagen? Darf ich vom Buchstaben im Namen wie von einem historischen Genom sprechen? Und wie ist das mit dem Dürfen und dem Sollen
und dem Mögen? Wir sollten unsere Option auf die anagrammatische Anmutung und Würde des Möglichen im einleuchtenden Satzgeschehen bitte offenhalten.
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Preisträgerin 2002 MARLENE STREERUWITZ
Marlene Streeruwitz wurde 1950 in Baden bei Wien geboren und studierte dort Slawistik und
Kunstgeschichte. Ihre Laufbahn als Autorin begann mit dem Schreiben von Theaterstücken und mit Regiearbeit. Seit 1992 werden ihre Theaterstücke an zahlreichen Bühnen aufgeführt. 1996 erschien ihr erster Roman, für den
sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. In schneller Folge sind seither Romane, Theaterstücke und Novellen erschienen. Marlene Streeruwitz nahm mehrere Gastdozenturen wahr, die in ihren theoretischen Schriften ihren
Niederschlag fanden. Die feministisch orientierte Streeruwitz gilt als eine der engagiertesten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. Mit ungewöhnlicher Schärfe kommentiert sie die politischen Ereignisse in Österreich. Im
März 2004 lehnte Marlene Streeruwitz den Badener Kulturpreis ab, da er ihr von Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) hätte überreicht werden sollen. Sie lebt in Wien und Berlin.
Preise (in Auswahl)
1996: Mara-Cassens-Preis 2000: Österreichischer Würdigungs-Staatspreis für Literatur 2001: Hermann-Hesse-Preis 2002: Walter-Hasenclever-Literaturpreis
Werke (in Auswahl)
Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre., 1996 Sein. Und Schein. Und Erscheinen., Tübinger Poetikvorlesungen, 1997 Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen., Frankfurter Poetikvorlesungen, 1998
Lisa's Liebe., Roman in drei Folgen, 1997 Nachwelt., Roman, 1999 Waikiki Beach. Und andere Orte., Die Theaterstücke, 1999 Majakowskiring., Erzählung, 2000 Partygirl., Roman, 2002 Jessica, 30. Roman, 2004
Morire in Levitate., Novelle, 2004 Gegen die tägliche Beleidigung., Vorlesungen, 2004 Entfernung., Roman, 2006
Karl Riha: Laudatio auf Marlene Streeruwitz
Sie tendiert zum spielerischen Umgang mit
den Mitteln des Theaters, öffnet surrealistische Einblicke und folgt collagistischen Handlungsentwürfen, dabei kommt es immer wieder zu Zeitkolorit-Anspielungen und blitzen auch sonst – wie etwa mit der feministischen
Einstellung der Autorin – aktuelle Bezüge auf.
Marlene Streeruwitz: Dankrede
Die Behauptung vom Theater als Ort einer kritischen Gegenposition wird zum Entlastungsritual vom Stress der Mehrheit einer
Gesellschaft, die die Definition Mehrheit stets bereithalten zu müssen glaubt. Unbewusst eilfertig liefert das Theater dann diese Entlastung in der historisierenden Entkontextualisierung, meist des Klassikers. [...] Wenn ich
also nun in einem Lexikon lese: “Hasenclevers Schriften der zwanziger Jahre und des Exils fanden literaturgeschichtlich wenig Bedeutung, unter anderem wegen der zeitlichen Gebundenheit der Stoffe”, so wird mir hier beschrieben,
dass sich die Stücke Hasenclevers nicht zur Entkontextualisierung eignen, dass ihre Form und Sprache auf der beabsichtigten Kontextualisierung bestanden und darin die Literaturhaftigkeit nicht zu entziehen war.
Preisträger 2004 FRIEDRICH CHRISTIAN DELIUS
Friedrich Christian Delius wurde 1943 in Rom geboren und wuchs im hessischen Wehrda auf. Er
besuchte Gymnasien in Bad Hersfeld und Steinatal; das Abitur legte er 1963 an der Alten Landesschule Korbach ab. Von 1963 bis 1970 studierte er Literaturwissenschaft an der FU und der TU Berlin, wo er 1970 bei Walter
Höllerer mit der Arbeit "Der Held und sein Wetter" promovierte. Von 1970 bis 1973 war er Lektor bei Wagenbach, von 1973 bis 1978 bei Rotbuch. Seither ist er freier Schriftsteller. Er lebt in Berlin und in Rom.
Delius begann in den 60er Jahren mit gesellschaftskritischer Lyrik und dokumentarischen, oft satirischen Texten. Seit den 70er Jahren schreibt er vorwiegend Romane, häufig zu Themen aus der Geschichte der BRD, z.B. zum
Deutschen Herbst. Friedrich Christian Delius ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und seit 1998 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Preise (in Auswahl)
1967 Preis Junge Generation zum Kunstpreis Berlin 1971 Villa-Massimo-Stipendium 1989 Gerrit-Engelke-Preis 2004 Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2004 Fontane-Preis für Literatur 2007 Schubart-Literaturpreis
2007 Preis des Verbandes der deutschen Kritiker 2007 Joseph-Breitbach-Preis
Werke (in Auswahl)
Kerbholz, 1965 Wir Unternehmer, 1966 (zusammen mit Karl-Heinz Stanzick)
Der Held und sein Wetter. Dissertation, 1971 Unsere Siemens-Welt, 1972 Ein Bankier auf der Flucht, 1975 Ein Held der inneren Sicherheit, 1981 Adenauerplatz, 1984 Mogadischu Fensterplatz, 1987
Japanische Rolltreppen, 1989 Die Birnen von Ribbeck, 1991 Himmelfahrt eines Staatsfeindes, 1992 Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, 1994 Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, 1995 Die Verlockungen
der Wörter oder Warum ich immer noch kein Zyniker bin, 1996 Die Flatterzunge, 1999 Der Königsmacher, 2001 Mein Jahr als Mörder, 2004 Bildnis der Mutter als junge Frau, 2006
Katja Langen-Müller: Ich leih dir meinen Kopf. Laudatio auf Friedrich Christian Delius
Mich beeindruckt am stärksten, wie genau unser Preisträger den Ton seiner Figuren trifft, egal ob er sie aus der Ich
-Perspektive erzählen oder miteinander reden oder, personal geführt, absolut glaubwürdige, ja ‘gefühlsechte’ Monologe und Gedankenmonologe halten lässt. [...] Literarische Begabung, soziale Leidenschaft und intellektuelle
Kompetenz unseres Preisträgers mögen ‘in Tateinheit’ bewirken, dass ihm die meisten seiner Charaktere derartig kompakt und komplex geraten können, so dialektisch, im besten, eben nicht dogmatischen Sinne.
Friedrich
Christian Delius: “Ausgerechnet am 11.September”. Dankrede
Hängen der Trend zum Analphabetismusund der neue politische Analphabetismus, hängen der ästhetische und der moralische Verfall zusammen, und wenn ja, wie? Diese
Frage kann ich mit Schillers 'Ästhetischer Erziehung' nur bejahen. Ohne die 'Ausbildung des Empfindungsvermögens', ohne die Kultivierung der Sinne keine Freiheit. Ich will mit Schillers Autorität das Selbstverständliche
unterstreichen, das inzwischen auch Hirnforschung und Bildungsforschung belegen: Ohne musische Fähigkeiten gibt es keine gesellschaftlichen Fähigkeiten, ohne Emotionalität keine Vernunft, ohne ein Sensorium für die Künste gibt
es kein Sensorium für Demokratie, ohne die Literatur, beispielsweise, versinken wir in Barbarei.
Preisträgerin 2006 HERTA MÜLLER
Herta Müller wurde 1953 in Nitzkydorf, im deutschsprachigen rumänischen Banat geboren. Nach dem
Abitur studierte sie von 1973 bis 1976 an der Universität Temeswar Germanistik und rumänische Literatur. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde allerdings 1979 nach ihrer Weigerung, mit der
rumänischen Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit zeitweiliger Lehrtätigkeit in Schulen und Kindergärten sowie mit privatem Deutschunterricht. Ihr erstes Buch Niederungen konnte 1982
in Rumänien nur in zensierter Fassung erscheinen. 1987 reiste Herta Müller mit ihrem damaligen Ehemann, dem Schriftsteller Richard Wagner, in die Bundesrepublik Deutschland aus und lebt seither in Berlin. In den folgenden
Jahren erhielt sie eine Reihe von Lehraufträgen als writer-inresidence an Universitäten im In- und Ausland. 2005 war sie Heiner Müller-Gastprofessorin an der FU Berlin. Ihre Werke sind von ihrem Leben unter der
Ceauscescu-Diktatur geprägt; sie befasst sich mit Sprache als Instrument von Herrschaft und Unterdrückung, aber auch als Mittel des inneren Widerstands. Herta Müller gehörte bis 1997 dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik
Deutschland an und ist seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Preise (in Auswahl)
1981 Adam-Müller-Guttenbrunn-Förderpreis des Temeswarer Literaturkreises
1984 Aspekte-Literaturpreis, 1985 Rauriser Literaturpreis, 1987 Ricarda-Huch-Preis 1989 Marieluise-Fleißer-Preis 1990 Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim, 1991 Kranichsteiner Literaturpreis
1993 Kritikerpreis für Literatur 1994 Kleist-Preis 1995 Europäischen Literaturpreis Prix Aristeion, 1997 Literaturpreis der Stadt Graz, 1998 Ida-Dehmel-Literaturpreis 1999 Franz-Kafka-Preis,
2002 Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz, 2003 Joseph-Breitbach-Preis 2004 Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2005 Berliner Literaturpreis 2006 Würth-Preis für Europäische Literatur
2006 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
Werke (in Auswahl)
Niederungen, 1982 Drückender Tango, 1984 Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt, 1986 Barfüßiger Februar, 1987
Reisende auf einem Bein, 1989 Wie Wahrnehmung sich erfindet, 1990 Der Fuchs war damals schon der Jäger, 1992 Der Wächter nimmt seinen Kamm, 1993 Herztier, 1994 Hunger und Seide, 1995
Heute wär ich mir lieber nicht begegnet, 1997 Der fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne, 1999 Im Haarknoten wohnt eine Dame, 2000 Der König verneigt sich und tötet, 2003
Die blassen Herren mit den Mokkatassen, 2005
Norbert Otto Eke: Das ‘kleine Sagen’ und das ‘große Sagen’. Herta Müllers Gegenschrift. Laudatio
Totalitäre Systeme gründen ihre Macht auf Eindeutigkeit. Das
Zweideutige, Uneigentliche dagegen wird als subversiv empfunden. Wo die Sprache der Macht Eindeutigkeit verlangt, setzt Herta Müller auf die Schaffung von Assoziationsräumen durch stilistische Doppelbödigkeit: von Worten,
Symbolen, Sachverhalten. Mit einem Schreibverfahren doppelter Optik, das mit immer wieder überraschenden Bildfügungen das Lesen irritiert, sucht sie den jeweils ‘durch das Land laufenden Sehnerv’ der Macht, der herrschenden
Meinung, der genormten Wahrnehmung zu blenden.
Herta Müller: So ein großer Körper und so ein kleiner Motor. Dankrede
Das Leben wird Literatur – wie soll es denn sonst sein. Nichts eins zu eins hab ich über
Erlebtes geschrieben, nur auf Umwegen. Immer prüfe ich, ob das unwirklich Erfundene sich das wirklich Geschehene vorstellen kann.
Preisträger 2008 CHRISTOPH HEIN
Christoph Hein wurde 1944 in Schlesien geboren, wuchs nach der Vertreibung in einer Kleinstadt bei Leipzig auf. Als Pfarrerssohn war ihm der
Besuch des Gymnasiums in der DDR verwehrt, so dass er ein Gymnasium in Westberlin besuchte, aber seinen ostdeutschen Wohnsitz behielt und nach dem Mauerbau in der DDR lebte.
1964 konnte Hein das Abitur auf einer Abendschule ablegen. Allerlei Gelegenheitsarbeiten schloss sich 1967-71 ein Studium der Philosophie und
Logik in Leipzig und Ostberlin an, ab 1974 war er als Autor an der Volksbühne unter Benno Besson tätig. Ab Mitte der 70er Jahre wurden in der DDR und ab 1980 in der BRD Stücke von Hein inszeniert. Mit Werken wie „Schlötel oder
Was soll’s“, „Cromwell“ oder „Lassalle“ machte er sich zuerst als Dramatiker einen Namen, bevor 1982 seine Novelle „Der fremde Freund“ (1983 als „Drachenblut“ in der BRD) ihn als Prosaautor vorstellte.
Von der Mitte der 80er Jahre bis heute erschienen in regelmäßigen Abständen seine viel beachteten Romane, u. a. „Der Tangospieler“ (1989),
„Das Napoleon-Spiel“ (1993), „Willenbrock“ (2000) und der umfangreiche Künstlerroman „Frau Paula Trousseau“ (2007) über Leben und Arbeiten einer Malerin in der DDR und in der Nachwendezeit. Nebenher veröffentlichte Christoph
Hein mehrere Bände mit Erzählungen. Auch seine Tätigkeit für die Bühne setzte sich kontinuierlich fort.
Die Gesellschaftsbezogenheit seines Schreibens dokumentiert sich in mehreren Essaybänden, in denen Christoph Hein zu politischen und
kulturellen Themen Stellung bezogen und eindringende Schriftstellerporträts publiziert hat. Bis 2006 gehörte er zu den Herausgebern der Wochenzeitung „Freitag“.
Preise (in Auswahl)
1982 Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR 1989 Lessingpreis der DDR
1990 Erich-Fried-Preis
1992 Berliner Literaturpreis
1994 Peter-Huchel-Preis
1998 Peter-Weiss-Preis
2004 Schiller-Gedächtnispreis
Werke (in Auswahl)
Cromwell und andere Stücke,1981
Der fremde Freund, 1982, DDR, u. d. T. Drachenblut, 1983, BRD Horns Ende, 1985
Öffentlich arbeiten, 1987
Passage, 1988
Der Tangospieler, 1989
Die Ritter der Tafelrunde, 1989 Als Kind habe ich Stalin gesehen, 1990 Das Napoleon-Spiel, 1993 Exekution eines Kalbes und andere Erzählungen, 1994 Die Mauern von Jerichow, 1996 Von allem Anfang an, 1997 Willenbrock, 2000 Landnahme, 2004 Frau Paula Trousseau, 2007
Aus Martin Krumbholz’ Laudatio
Sie wissen vielleicht, dass Christoph Hein sich selbst am liebsten als Humoristen, am zweitliebsten aber als Chronisten, und zwar, er ist nun
einmal ein Pfarrerssohn und muss das partout verleugnen, als „Chronisten ohne Botschaft“ bezeichnet. [...] Ich vermute indessen, dass Hein mit dem Begriff „Chronist“ noch etwas anderes meint: nämlich die Neigung, sich hinter
Erzählmasken beinahe unsichtbar zu machen. Wenn Sie die Romane „Horns Ende“ und „Landnahme“ nebeneinander halten – beide beschäftigen sich mit der Frühzeit, der Gründungsgeschichte der DDR –, sehen Sie diese formale
Gemeinsamkeit, dass beide Romane mehrere und einander widersprechende Erzähler haben. Und beide handeln von moralischer Schuld; natürlich ist Hein ein Moralist, vielleicht ein Moralist ohne positive Moral. Christoph Hein war 45
Jahre alt, als die DDR an ihr rühmliches Ende kam (ein bisschen rühmlich zumindest aus der Perspektive der Regimekritiker, zu denen er gehörte). Und es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Prosawerk Kontinuitäten
gibt über den Systemwechsel hinaus; damit meine ich jetzt nicht ästhetische Kontinuitäten, sondern inhaltliche, politische. Hein ist gewiss nicht ein unerbittlicher Kritiker des einen Systems, weil er ein feuriger Anhänger des
anderen wäre, soviel ist sicher.“
Auszug aus Christoph Heins Dankrede
Fünfzig Jahre war Hasenclever alt, als er, in einem französischen Lager interniert, Selbstmord beging. Er war einer der wichtigsten
Dramatiker und Lyriker des deutschen Expressionismus, seine Stücke wurden nach dem ersten Weltkrieg von vielen Bühnen aufgeführt. Dann wechselte die Mode, die expressionistischen Stücke verschwanden von den Spielplänen und
Walter Hasenclever schrieb nun sehr erfolgreiche Unterhaltungskomödien. Mit Hitlers Machtantritt war auch diese Zeit für ihn beendet, er musste emigrieren. Als die Franzosen ihm keinen Schutz mehr boten, sondern den Wünschen
und dem Druck des 3. Reiches nachgaben und ihn wie viele andere deutsche Antifaschisten festsetzten, um ihn auszuliefern, floh er nochmals, emigrierte er in den Tod.
Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft wehrt sich gegen diese Auslöschung, setzt Zeichen gegen dieses Vergessen. Das ist umso verdienstvoller
und ehrenwerter, als es nicht nur ein Signal gegen die Zeitmode ist, sondern auch Widerstand gegen einen Sieg von Hitler bedeutet, ein Widerstehen gegen die Barbarei, gegen den Versuch einer Auslöschung, die das 3. Deutsche
Reich an der deutschen Kultur und den Künstlern mit nachhaltigem Erfolg vornahm.
Preisträger 2010 RALF ROTHMANN
Ralf Rothmann wurde am 10.5.1953 in Schleswig geboren. Angelockt vom Boom im Ruhrgebiet zog die Familie 1958 in den Oberhausener Vorort
Sterkrade. Nach einem kurzen Besuch der Handelsschule begann Rothmann 1968 eine Lehre als Maurer und übte den Beruf bis 1972 aus. Dann ging Rothmann nach Essen, wo er vier Jahre als Krankenpfleger arbeitete. 1976 erfolgte der
Umzug nach Berlin. In den ersten Jahren übt er zahlreiche Gelegenheitsjobs aus: Koch in einer Großküche, Drucker, Fahrer und Taxichauffeur. 1984 debütierte er mit dem Gedichtband Kratzer. Mit der 1986 erschienenen Erzählung Messers Schneide verschob sich der Schwerpunkt seines Schreibens auf die Prosa. Seither hat Rothmann mehr als ein halbes Dutzend Romane und zwei weitere Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Von ihren Schauplätzen her konzentrieren sich Rothmanns Werke auf das Ruhrgebiet und auf Berlin. In den Kohlenpott-Romanen stehen Jugendliche im Mittelpunkt, die unter kaputten Familien und kultureller Ödnis leiden. Eine Atmosphäre latenter Gewalt, die wie Mehltau über den Beziehungen von Ehepartnern, Eltern und Kindern liegt, erzeugt bei den jungen Protagonisten die Empfindung einer Perspektivlosigkeit, gegen die sie durch die Flucht in die Rockmusik und die Entdeckung des Kontinents Liebe revoltieren. In seinen Berlin-Romanen zeigt sich Rothmann als ein genauer Diagnostiker der sozialen Folgekosten der Wiedervereinigung an der Nahtstelle von Ost und West. Er erkundet die Lebensräume des neuen Prekariats und notiert in nüchternem Tonfall das Verschwinden der alternativen Kiez-Soziotope in der neoliberalen Nachwendezeit.
Preise (in Auswahl)
2001 Hermann-Lenz-Preis
2004 Wilhelm-Raabe-Literaturpreis
2005 Heinrich-Böll-Preis
2006 Max-Frisch-Preis
Werke (in Auswahl)
Kratzer, 1984
Messers Schneide, 1986 Stier, 1991 Wäldernacht, 1994 Flieh, mein Freund!, 1998 Milch und Kohle, 2000 Ein Winter unter Hirschen, 2001 Hitze, 2003 Junges Licht, 2004 Rehe am Meer, 2006 Feuer brennt nicht, 2010
Lutz Hagestedt in seiner Laudatio:
Ralf Rothmann schildert eine Welt, in der das Soziale nicht auf schöne, allenfalls auf bitterschöne Weise zur Darstellung kommt. Gescheiterte
Existenzen, Sozialfälle, trübselige Milieus, Stadtproletariat, Edelpenner: ‚Kroppzeug zu Kroppzeug’, wie es einmal heißt. Aber mit welcher Liebe und Vollkommenheit erzählt er und mit welch untrüglicher Milieukenntnis zeigt er
uns die Brüche auf, die quer durch unsere Gesellschaft verlaufen, durch die sozialen Räume, die Familien, die Quartiere in den Städten, die Arbeitsverhältnisse, und mit welcher Menschenkenntnis zeigt er uns auch die inneren
Brüche, die Risse durch die Person, durch die Paarbeziehung, durch das Weltbild, das man sich einmal zurechtgelegt hat. Eine scheinbar kalte, brutale Welt, völlig illusionslos, und zugleich eine warmherzige Welt, getragen von
Sorge und Fürsorge.
Aus Ralf Rothmanns Dankrede ‚Blinde im Wald’:
Dass einer wie Hasenclever dennoch nicht seinen Humor und seine Selbstironie verlor, dass er immer wieder die Kraft aufbrachte, sich und
seine Leiden, die für uns Heutige kaum noch vorstellbar sind, nicht allzu ernst zu nehmen, und dabei doch ein mitfühlender und bis zuletzt fürsorglicher Mensch blieb, sogar noch im Gefangenenlager, zeugt von einer Größe, die
einen auch deswegen so anrührt und bestärkt, weil sie Ausdruck dessen war, was immer der goldklare Gipfel jeder persönlichen Entwicklung sein wird: Innere Freiheit. Sie, die sich der lebenslangen Hingabe an die
geistigen, erotischen und metaphysischen Möglichkeiten der Poesie verdankte, war sein eigentliches Haupt- und Meisterwerk, und noch der letzte, der allerletzte Schritt, den er wagte, war Ausdruck dieser Freiheit.
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